Familienforschung Steinke


Schöningswalde

Lageplan des Dorfes Schöningswalde (gezeichnet von meiner Mutter)
Dorfplan von Schöningswalde
zum Vergrößern einfach Bild anklicken


Hof meiner Großeltern in Schöningswalde
Hof von Emil Bürger
Aufnahme aus dem Jahre 1978 - zum Vergrößern einfach Bild anklicken


Hof von Emil Bürger
Aufnahme aus dem Jahre 1978 - zum Vergrößern einfach Bild anklicken


Landschaftsbild
Bauerndorf an der Bahnstrecke Schlawe-Rügenwalde mit Bahnstation 6 km vor Rügenwalde, 12,5 km von der Kreisstadt Schlawe entfernt. Die Gemarkung von Schöningswalde stößt im Westen an den Rügenwalder Stadtforst, im Norden an Sellen und Grupenhagen, im Osten an Neu Jährshagen, im Süden an den Rügenwalder Stadtforst.
Das Dorf liegt an einem Stichweg, der 2 km südwestlich von Grupenhagen von der Chaussee Rügenwalde-Schlawe abzweigt. Die Lankwitz, die im Neu Järshäger Gebeit entspringt und beim Wasserwerk Rügenwalde in die Wipper mündet, durchzieht die Felder östlich des Dorfes von Süden nach Norden. Das Tal des Mühlengrabens, der schließlich auf Rügenwalder Gebiet von der Lankwitz aufgenommen wird, bedeutet die Grenze nach Grupenhagen.

Bodennutzung und Landwirtschaft
Die Böden sind von wechselnder Qualität von sand bis zu Lehm, der gemeindehektarertrag beträgt 1000,-RM. Gute Wiesen liegen in den Tälern der Lankwitz und des Mühlengrabens. Anbau aller üblichen Feldfrüchte, Existenzgrundlage Milchwirtschaft und Schweinemast, Pferdeanspannung.

Wirtschaft und Verwaltung
Schöningswalde ist eine reine Agrargemeinde geblieben, ohne selbständige Handwerker oder Gewerbetreibende. Bürgermeisteramt (Richard Ehlert, Berthold Schwarz bis 1945), Posthilfsstelle (Ella Kusserow), Standesamt Grupenhagen, Amtsgericht Rügenwalde, Amtsbezirk Alt Jährshagen.

Siedlung
Planmäßige Siedlung auf Rodungsflächen des Rügenwalder Stadtforstes. Die Gehöfte wurden nach einem einheitlichen Schema gebaut in Form von Vierkanthöfen, bei denen aber das Wohnhaus längs an die Straße gebaut wurde, rechts und links die Stallungen, an der rückwärtigen Front die Scheune. Die meisten Gehöfte hatten neben dem Hof oder auf der anderen Straßenseite ein backhaus. Zuletzt gab es 12 größere und 14 kleinere Betriebe.
Das Dorf wurde als ein doppelzeiliges Straßendorf in SüdOst-NordWest-Richtung angelegt und hat sich im Laufe der Zeit verdichtet. Ein Gang durch das Dorf, begonnen auf der kopfsteingeplasterten östlichen Dorfstraße, der "Längeren Seite", im Nordwesten nach Südosten östliche Straßenseite : Hugo Bürger, Hugo Dähling, Reinhard Brose, Otto Below, Alfred Strauß, Erich Vehlow, Minna Groth, Otto Kölm, etwas außerhalb Hermann Ziebell; westlich der Langen Seite standen Backhäuser der auf der anderen Seite leigenden Gehöfte und die Höfe Albertine Meidow, Richard Ehleret, Emil Schröder, dahinter Albert Holzfuß; an der westlichen Seite dieser Gehöfte verlief der Dorfbach. Die westliche Dorfstraße hieß "Kurze Straße" und verlief im Zuge des alten Weges nach Rügenwalde. Die kurze Seite war nur westlich bebaut; wieder von Nordwest: Emil Last, Erich Sielaff, Otto Borchard, Otto Schmökel, Hermine Höckendorff. Am Triftweg das Armenhaus. Zwischen der Langen und der kurzen Seite liegt der Anger, auf dem nur das Schulgebäude, ein backhaus und das kleine Anwesen der Minna Gericke standen. Die Nordseite des Angers wird von der Klapperstraße begrenzt, an der auf der nördlichen Seite von Ost nach West die Höfe: Alwine Behlow, Berthold Schwarz, Friedrich Bork und an der Ecke zur kurzen Seite Emil Bürger lagen. Am Reichsbahnhaltepunkt lagen noch die Gehöfte: Rohnhof diesseits der Bahn, auf der anderen Seite: Herbert Borchard, Erwin Schmökel. Die Verbindung von der Langen Seite zur Haltestelle hatte ebenfalls Kopfsteinplaster. Hier bildet auch der Dorfbach einen Teich.

Orts- und Flurnamen
Das Dorf hieß bei seiner Anlage "Neues Dorf" oder "Neuendorf". 1771 wurde das neue Dorf zu Ehren des Präsidenten der Pommerschen Kriegs- und Domänenkammer Hans Friedrich von Schöning (1717-1787) auf Klemmen und Lübtow, Kreis Pyritz, Schöningswalde genannt.
Schöning war vor seiner Präsidentschaft Finanzrat beim General-Direktorium und damit zuständig für das "Verbesserungswesen" in Pommern gewesen. Denkwürdig ist die Rede Friedrichs des Großen vor den pommerschen Deputierten, die Schöning 1779 beim König einführte, um Unterstützung für die Gründung des Creditwesens zu erbitten. Der Monarch sagte unter anderem zu den Deputierten: "daß nicht ein jeder reich geboren sei, durch Fleiß und Anstrengung in seinen Staaten leicht zu ansehnlichen Mitteln und Würden gelangen könnte; er, der König, erinnere sich sehr gut, von dem gebliebenen Feldmarschall Schwerin gehört zu haben, daß ihn sein Vater nur mit einem Thaler habe von der Heimath entlassen können, wonächst er ihm noch eine Ohrfeige mit der Bemerkung auf dem Weg gegeben habe, dies von keinem anderen Menschen zu leiden !" Dabei ist es interessant, daß die Familie von Schöning schon frühzeitig Verbindung zum Schlawer Land gehabt zu haben scheint. 1485 ist als Zeuge in einer Urkunde des Schlawer Stadtarchivs in der Affäre um die Enthauptung des Borchard von Winterfeld, des herzoglichen Lehnsmannes in Alt Schlawe, durch Schlawer Bürger ein Tammo van Scheynghe genannt.

Flurnamen
Spritzenweg, Dornberg am Kirchweg, Sandberg am Bahnhof, Lehmkuhle am Triftweg, Sandkuhle hinter der Bahn, Katzenberg am Triftweg, Krummenbach am Teich.

Schule
Die Schule lag an der Nordwestecke des Dorfangers. Sie stammt noch aus der Siedlungszeit und hatte 1 Lehrerwohnung, 1 Scheune, Kinderzahl lag um 20. Letzte Lehrer waren Nitz, Minert, bis 1945 Karl Aßmann.

Kirche
Die Einwohnerschaft war ausschließlich evangelischen Glaubens und nach Grupenhagen eingepfarrt.

Geschichte
Im Jahre 1748 wurde die Stadt Rügenwalde von der Kriegs- und Domänenkammer in Stettin aufgefordert, in ihrem Walde eine Rodung vorzunehmen und auf der gerodeten Fläche ein Kolonistendorf anzulegen. Die Stadt hatte sich lange dagegen gesträubt, aber der König, der sich mehrfach selbst einschalten mußte, setzte seinen Willen durch. Am 14. April 1754 erging aus Berlin der Bescheid des Königs an die Kriegs- und Domänenkammer in Stettin, welches die Angelegenheit endgültig regelte.

Der Gesamtplan umfaßte ursprünglich 16 Bauernhöfe mit je 5 Morgen Hofstelle und "Würdeland", 30 Morgen land in allen 3 Feldern und 10 M orgen Wiese. Die Rodung für das benötigte Land wurde im Jahre 1753 durch den Unternehmer Kaufmann Gumme aus Rügenwalde begonnen. Danach setzte die Besiedlung des Drofes ein. Ende April 1754 fanden sich einige Kolonisten ein, denen im Laufe des Sommers weitere folgten. Im ganzen waren es zwölf Siedler : Auf dem Hof Nr. 9 war bis zur Vertreibung 1945 immer ein Schmökel.

Das Siedlungsverfahren verlief unter großen Schwierigkeiten. Rügenwalde hatte sehr hohe Kosten zu zahlen, zahlreiche Verfahren mit den Nachbargemeinden wurden anhängig, über das Vermögen des Kaufmanns Gumme mußte Konkurs verhängt werden. Im Rügenwalder Stadtarchiv lagerte eine Akte von 2.500 doppelseitigen Seiten über dieses Siedlungsverfahren.

Es ist zu vermuten, daß diese Stelle ausgewählt wurde, weil hier einmal eine wüst gewordene Ansiedlung bestanden hat. 1784 heißt es von Schöningswalde, daß es "12 Halbbauern, die freye Leute sind, und 1 Hirtenkathen" hat. Schöningswalde war bis zu den Stein-Hardenbergischen Reformen Stadtdorf von Rügenwalde.

Am 6. März 1945 besetzten russische Soldaten das Dorf. Die Besetzung fand abends statt. Die Häuser waren mit Strohschütten versehen und waren mit Flüchtlingen überbelegt. Bei der Suche nach Frauen geriet das Haus von Otto Kölm in Brand. (Anmerkung von meiner Mutter : Otto Kölm hatte seine Fremdarbeiter sehr schlecht und hart behandelt, die Fremdarbeiter steckten aus Rache dessen Hof an.) Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Alle jungen Leute wurden in ein lager nach Schlawe gebracht, dann aber wieder entlassen. bei der Räumung eines 20 km breiten Küstenstreifens wurde Schöningswalde nach Bartin umgesiedelt. Von dort wurden die jungen Leute in iener Blitzaktion verschleppt. Nur wem die Flucht gelang, ist am Leben beglieben. Hermann Ziebell, Emil Bürger, Herbert Borchard sind seitdem verschollen. (Anmerkung meiner Mutter : Ihren Vater Emil Bürger wollte man nicht mitnehmen, er ist mitgegangen um die Jungs und Mädchen nicht alleine zu lassen, Emil Bürger ist dann im Kriegsgefangenenlager in Rußland verstorben.) Nach der Rückkehr der Einwohner im Laufe des Sommers wurde der Ort von den Polen übernommen,die die Deutschen ohne Entlohnung für sich arbeiten ließen. Als endlich am 17.8.1946 die Vertreibung begann, haben die Schöningswalder vor Freude, daß die Drangsalierung nun zu Ende seien, gesungen. Jahreszeitlich bedingt und auch durch den teilweisen Transport in Personenwagen waren keine Todesfälle zu verzeichnen. In Scheune infizierten sich noch etliche Kinder an Typhus, Die Irrfahrt endete in Wipperfürth. Aus diesem Grunde sind die Schöningswalder zum größten Teil im Bergischen Land geblieben. Seit 1945 ist Schöningswalde unter dem Sińczyca polnisch.

Wohnplätze
Schöningswalde, Haltestelle, Reichsbahnhatestelle an der Bahnstrecke Schlawe-Rügenwalde, 500 m südwestlich des Dorfes mit 3 Bauernhöfen. Eisenbahnbedienstete: Dahms, Schröder, Kloß.

Artikel von Ulrich Schmökel
über das Dorf Schöningswalde - Teil 1
aus "DER KREIS SCHLAWE - Ein pommersches Heimatbuch",
Herausgegeben im Auftrage des Heimatkreises Schlawe
von MANFRED VOLLACK, 1. Auflage 1989